Konzept

Das Clearingverfahren ist ein siebenstufiges hochstrukturiertes Verfahren und kann auf der Ebene der tertiären Prävention verortet werden und soll im Rahmen des Projektes erprobt  und an den Schulen implementiert werden. Bei der Begleitung von Jugendlichen, die Gefahr laufen sich zu radikalisieren, ist es wichtig, dass sowohl die Beratung der Jugendlichen als auch deren Umfeld in der Hand von Personen liegen, die sich über einen längeren Zeitraum der Beratung annehmen können. Hierbei steht ein ganzes Bündel von Methoden und pädagogischen Maßnahmen zur Verfügung, die helfen sollen, eine Radikalisierung zu unterbrechen oder zu verhindern.
Das Clearingverfahren soll bestehende Strukturen in Sozialraum und Schule  zusammenführen und eine Vernetzung aller relevanter Akteure ermöglichen. Durch die Ressourcen, die in dem Clearingverfahren gebündelt werden, entstehen so neue Helfernetzwerke, die eine umfassende und nachhaltige pädagogische Intervention ermöglichen.
Beginnende Radikalisierung zu unterbrechen und Hilfestellung zu geben ist das Ziel des Modellprojekts „Clearingverfahren und Case Management – Prävention von gewaltbereitem Neosalafismus und Rechtsextremismus“. Projektträger ist die Aktion Gemeinwesen und Beratung e.V. in Düsseldorf. Finanziert wird das Projekt über drei Jahre von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Voraussetzungen für Radikalisierungsprävention im schulischen Kontext

Um eine gelingende Prävention an den Schulen zu implementieren, ist es unerlässlich, einen gemeinsamen Präventionsbegriff zu formulieren. Auch die präzise Formulierung der Präventionsziele geht hiermit Hand in Hand. Klar muss sein, was genau verhindert werden soll und wo die Prävention ansetzt. Klärungsprozesse in diesem Bereich sind daher so wichtig, weil nicht jede unliebsam erscheinende Form von Religiosität Gegenstand von präventivem Handeln sein kann. Auch die Zielgruppenproblematik stellt sich in der Präventionsarbeit. Um Stigmatisierung und negative Markierung zu vermeiden ist es wichtig, dass Zielformulierungen und Ansprachen keine bestimmte soziale, ethnische oder religiöse Gruppe im Lebensraum Schule gesondert hervorheben. Hier sollte auch betont werden, dass sich alle Akteure zwar auf akzeptierte Indikatoren für eine Radikalisierung verständigen sollten, diese aber niemals als eine Art Checkliste betrachtet werden dürfen, da es keine wissenschaftlich erwiesenen Indikatoren gibt, die eine Radikalisierung anzeigen können.

Für eine erfolgreiche Präventionsarbeit braucht es eine funktionierende Steuerung. Da alle relevanten Partner aus dem schulischen und nicht-schulischen Bereich in einem Netzwerk zusammenarbeiten sollen, braucht es eine funktionierende Steuerung und einen Netzwerkmoderator. Dies sind in diesem Fall die pädagogischen Fachkräfte die an den Schulen arbeiten. Ihnen obliegt auch die Funktion des Monitorings eines Falls. Neben der Zusammenarbeit aller relevanter Präventionsakteure aus Schule und dem außerschulischen Bereich sind Meldungs- Kommunikations- und Handlungsroutinen einzuüben. Diese sollen helfen, die Zuständigkeiten aller relevanter Akteure zu klären.

Zielsetzung des Modellprojekts

  1. Das wichtigste Ziel des Projekts ist es, die Clearingverfahren zu erproben und zu implementieren. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und die Ergebnisse werden in einer Handreichung festgehalten.
  2. Unsere Arbeit an den Schulen zielt darauf, Radikalisierung zu verhindern und zu unterbrechen. Dazu stellen wir qualifizierte Hilfestellungen bereit und führen diese auch durch.
  3. Wir wollen darüber hinaus schulische Akteure im Hinblick auf die Themenfelder gewaltbereiter Neosalafismus und Rechtsextremismus stärken und sensibilisieren.
  4. Um Radikalisierung zu erkennen braucht es Indikatoren. Wir wollen im Rahmen des Projekts überprüfen, ob es Indikatoren gibt, die mehr oder weniger zuverlässig eine Radikalisierung anzeigen und ob diese für die Präventionsarbeit sinnvoll sind oder eher zu Stigmatisierung führen die nicht stattfinden sollte.

Teilnehmende Schulen

Elisabeth-Selbert-Gesamtschule, Bonn

„Die Elisabeth Selbert Gesamtschule liegt in Bonn Bad Godesberg und unterrichtet rund 1200 SchülerInnen. Wir verstehen uns als eine Schule der Vielfalt. So setzt sich unsere Schülerschaft aus 140 Nationen zusammen.
Die unterschiedlichsten Herkunftsländer, Religionszugehörigkeiten, kulturellen Auffassungen und Begabungen verstehen wir als Bereicherung und wissen, dass unsere SchülerInnen von dieser Vielfalt profitieren. In der alltäglichen schulischen Begegnung werden die sozialen und interkulturellen Kompetenzen gestärkt und erweitert. Die SchülerInnen lernen mit- und voneinander, sie lernen zueinander zu stehen und gemeinsam, friedlich und demokratisch zu handeln.
Das Projekt „Solidarisch und gemeinsam gegen Extremismus“ entspricht auch unserem Verständnis der Demokratieförderung. Unsere Schule befindet sich in einem Stadtteil, der durch den Wegzug der Bundesregierung nach Berlin einen starken sozioökonomischen Wandel erlebt hat und in jüngster Zeit sowohl von salafistischen als auch von rechtsextremen Strömungen beeinflusst wird. Wir sind als Schule sehr engagiert darin, unsere Schülerschaft vor extremistischen Bewegungen zu schützen und durch präventive Maßnahmen ihr Demokratieverständnis zu festigen.“ (Schulleitung)

Franz-Jürgens-Berufskolleg, Düsseldorf

„Das Franz-Jürgens-Berufskolleg (FJBK) ist ein technisches Berufskolleg für metalltechnische Bildungsgänge, welches mit zwei Standorten im Düsseldorfer Stadtteil Bilk gelegen ist. Insgesamt werden hier knapp 2 700 Lernende in diversen teilzeitschulischen Bildungsgängen der Berufsschule, in der Ausbildungsvorbereitung, in vollzeitschulischen Bildungsgängen mit allen schulischen Abschlüssen von der Hauptschule bis zur Allgemeinen Hochschulreife und den Berufsabschluss nach Landesrecht sowie in der Fachschule für Technik unterrichtet. Das Kollegium besteht aus 105 Lehrinnen und Lehrern sowie aus vier Fachkräften für die Schulsozialarbeit.
Nicht zuletzt der Namensgeber unserer Schule verpflichtet uns zu einer freiheitlich demokratischen Grundhaltung. Auch unser Leitbild ruft zu einem toleranten und friedlichen Miteinander auf.  Das Projekt soll uns dabei unterstützen, dieses Leitbild jeden Tag aufs Neue umzusetzen zu können, indem es das Kollegium für die Problematik der Radikalisierung sensibilisiert und die Lernenden gegen die Einflüsse extremistischer Gruppen stärkt.“ (Schulleitung)

Herbert-Hoover-Schule, Berlin

„Die Herbert-Hoover-Schule ist eine integrierte Sekundarschule im Berliner Bezirk Wedding, in der 450 Schüler*innen von der 7.-10. Klasse lernen. Die Schülerschaft hat zu fast 95% einen Migrationshintergrund, überwiegend türkisch und arabisch.
Im Januar 2016 wurden wir als Referenzschule im Modellprogramm „Kulturagenten für kreative Schulen“ zertifiziert und arbeiten seit Jahren erfolgreich im „Kulturellen Bildungsverbund Pankstraße“  mit benachbarten Grundschulen und Kultur-und Bildungseinrichtungen im Bezirk Wedding zusammen.
Klare Regeln und ein wertschätzender Umgang miteinander sind uns wichtig. Dabei dient Deutsch als Integrations-, Bildungs- und Kommunikationssprache dem Schulklima, in dem unter Achtung aller Unterschiedlichkeiten, gegenseitiges Verständnis und Rücksichtnahme aufgebaut werden können.
Der Islam spielt im Leben unserer Schüler*innen eine große Rolle. Allerdings nehmen die Kolleg*innen einen zunehmend unreflektierten Umgang mit dem Islam wahr. Wir haben uns für das Modellprojekt beworben, weil wir hoffen, dass unsere  konventionellen Arbeitsweisen durch das Ausprobieren und Beschreiten neuer Wege im Modellprojekt bereichert werden können.“ (Schulleitung)

Oberstufenzentrum für Informations- und Medizintechnik, Berlin

„Das Oberstufenzentrum Informations- und Medizintechnik im Bezirk Neukölln ist mit etwa 160 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und mehr als 2600 Schülerinnen und Schülern Berlins Kompetenzzentrum für die Ausbildung informations- und medizintechnischer Berufe. Von der beruflichen Erstausbildung über Doppelqualifikationen mit Studienberechtigung bis hin zur Weiterqualifikation an der Fachschule bietet unsere Schule eine große Auswahl an unterschiedlichen Bildungsgängen an. Ziel und Aufgabe des OSZ IMT ist es, bestmögliche Vorbereitung auf den angestrebten Beruf oder das spätere Studium zu ermöglichen, aber auch der Herausforderung der Integration von Flüchtlingen stellen wir uns mit insgesamt sieben Willkommensklassen. Hohe technische Ausstattungsstandards in Verbindung mit modernen Unterrichtskonzepten sollen zur Entwicklung der Fach-, Methoden- und Personalkompetenz der Lernenden auf optimale Weise beitragen.
Das OSZ IMT nimmt am Projekt teil, weil wir an unserer Schule besondere Bedarfe bei der Integrationsarbeit von muslimischen Schülerinnen und Schülern sehen und Einzelfällen von rechtsextremistischen Tendenzen präventiv zukünftig besser begegnen möchten. Auch wenn wir an unserer Schule keine offen agierenden extremen Gruppen wahrnehmen, sehen wir Ansätze einer Wandlung, die wir gern beeinflussen wollen, so dass wir weiter in einer offenen, wertegeleiteten Gemeinschaft agieren können. Im Rahmen des Projektes erscheint uns die Unterstützung bei der Organisation gezielter Prävention, die im Kern auf die Unterbrechung von Radikalisierung zielt, das vordringliche Anliegen zu sein, von dem wir uns sehr angesprochen fühlen.“ (Schulleitung)

Käthe-Kollwitz-Berufskolleg, Hagen
Sophie-Scholl-Gesamtschule, Hamm

„„Keine Schülerin und kein Schüler darf verloren gehen.“ – So lautet ein Motto unserer Schule. Als Gesamtschule in einem vom Strukturwandel geprägten Stadtteil Hamms sind wir in besonderer Weise gefordert, uns auf die Vielfalt unserer Schülerinnen und Schüler einzustellen. Wir haben deshalb zahlreiche abgestimmte Maßnahmen der individuellen Förderung und Forderung installiert und einen wertschätzenden Umgang miteinander zum Maßstab all unserer Bemühungen erhoben.
In unserem „Gesprächsforum Schulentwicklung“, einem regelmäßigen Austauschtreffen von Eltern, Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern, haben wir Beobachtungen zu zunehmender Intoleranz und Extremismus zusammentragen müssen. Auf diese Entwicklungen wollen wir schnell reagieren und erwarten von dem Projekt „Solidarisch und gemeinsam gegen Extremismus“, dass wir zum einen Unterstützung bei der konkreten Begleitung auffälliger Schülerinnen und Schüler erhalten und zum anderen durch eine Vielzahl von präventiven Projekten und Maßnahmen gezielt gegen diese Tendenzen angehen können.“ (Schulleitung)