1. Warum sprechen wir von Radikalisierung und nicht von Extremismus?
Wir sprechen von Radikalisierung und nicht von Extremismus, weil unser Ansatz pädagogisch und nicht sicherheitslogisch ist. Der Begriff Extremismus wird häufig staatsbezogen und zur Gefahrenbeschreibung verwendet. Er beschreibt eher einen Zustand. Radikalisierung lenkt den Blick dagegen auf Entwicklungen und Prozesse. Das passt besser zu unserem Ansatz, pädagogisch zu arbeiten.
2. Ist jede Form von Radikalität ein Problem für Schulen?
Unsere Arbeit richtet sich nicht gegen abweichende Meinungen, provokatives Verhalten, kontroverse religiöse oder politische Positionierungen oder grundlegende Gesellschaftskritik als solche. Schule muss Räume für Kontroversität, Widerspruch und Kritik offenhalten. Entscheidend ist die Frage, wo legitime Kritik in menschenabwertende, autoritäre oder gewaltbefürwortende Dynamiken umschlägt.
3. Gegen welche Form von Radikalisierung stellen wir uns?
Wir stellen uns gegen autoritäre, menschenabwertende, pluralitätsfeindliche und gewaltbefürwortende Äußerungen und Handlungen.
Clear Vision unterscheidet ausdrücklich zwischen emanzipatorischer Radikalität, die Herrschaftsverhältnisse, Diskriminierung und Ausschlüsse kritisiert und sich für Gleichwertigkeit, Freiheit und Teilhabe aller Menschen einsetzt – und problematischen Radikalisierungsdynamiken, die Ungleichwertigkeit, Unterordnung, Feindbilder oder Gewalt fördern.
4. Auf welchen Ebenen arbeiten wir präventiv?
Wir arbeiten primär- und sekundärpräventiv:
Primärprävention: Demokratische Schulkultur, Konfliktfähigkeit, Ambiguitätstoleranz, Diskursfähigkeit und Diskriminierungssensibilität stärken.
Sekundärprävention: Konkrete Hinweise auf autoritäre, menschenabwertende, pluralitätsfeindliche oder gewaltlegitimierende Entwicklungen einordnen, ansprechen, dokumentieren und zuständig bearbeiten.
5. Wo fängt Radikalisierung an?
Wir unterscheiden zwischen verschiedenen Formen von Äußerungen und Verhaltensweisen:
Legitim kontrovers: Harte Kritik, religiöse Praxis, konservative Positionen, Provokation, Identitätssuche, Widerspruch
Pädagogisch herausfordernd, aber nicht radikalisierungsrelevant: Grenztests, Tabubrüche, Polarisierung, beleidigender Ton, Cliquendynamik, pubertäre Provokation
Problematisch und beobachtungswürdig: Wiederholte Abwertungen, Verschwörungserzählungen, Autoritarismus, Feindbilder
Akut radikalisierungsrelevant: Gewaltbefürwortung, Entmenschlichung, Ausschluss- oder Vernichtungsfantasien, massive Drohungen, Rekrutierungsversuche, systematische Verherrlichung antipluralistischer Ideologien
6. Wofür setzen wir uns ein?
Clear Vision arbeitet nicht nur defizit- und problemorientiert, also nicht nur mit dem Blick auf Risiken, Grenzüberschreitungen oder problematische Entwicklungen. Ebenso wichtig ist für uns, was Schule aktiv stärken und ermöglichen soll. Das macht einen Unterschied für die Arbeitsweise: Wir setzen auf Beziehung, Anerkennung, Teilhabe und Ressourcenorientierung.
Clear Vision setzt sich für eine Schule ein, die Teilhabe ermöglicht, Vielfalt anerkennt, Ambiguität aushält, Diskriminierung entgegenwirkt und individuelle Ressourcen stärkt.
7. Welcher Maßstab leitet unser Handeln?
Die Orientierung, dass die Freiheit des Einen dort endet, wo die Freiheit des Anderen beginnt, ist für Schulen eine gute erste Orientierung, greift aber zu kurz. Denn Freiheit im Schulalltag kann nicht losgelöst von Machtverhältnissen verstanden werden.
Handlungsleitend für die pädagogische Einordnung konkreter Situationen in Schulen ist deswegen immer auch, ob Äußerungen oder Handlungen an bestehende gesellschaftliche Ausgrenzungsverhältnisse anknüpfen.