Am 28. November 2025 nahm die Projektleitung Dr. Junus el-Naggar an der Auftaktveranstaltung von KN:IX-Connect teil, einem neuen Vernetzungsformat zur Stärkung phänomenübergreifender Radikalisierungsprävention. Die Veranstaltung brachte Fachkräfte aus Prävention, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen und bot Raum für aktuelle Debatten, fachlichen Austausch und strategische Perspektiven. Im Folgenden werden vier zentral Erkenntnisse zusammengefasst, die insbesondere für schulisches Personal und Fachkräfte in der Präventionsarbeit relevant sind.
1. Gender, Männlichkeitsbilder und Radikalisierung
Ein Schwerpunkt lag auf dem Umgang mit Gender-Fragen im Kontext von Radikalisierungsdynamiken. Deutlich wurde das Spannungsfeld, in dem pädagogisches Handeln steht: Queerenfeindlichkeit und sexistische Abwertung müssen klar als Grenzüberschreitungen benannt und adressiert werden. Gleichzeitig gilt es anzuerkennen, dass gesellschaftliche Veränderungen von Geschlechterrollen für manche Jugendliche – insbesondere Jungen – Verunsicherung, Kontrollverlust und Orientierungsbedarf erzeugen können. Diese Ambivalenz ernst zu nehmen, ohne diskriminierende Positionen zu relativieren, wurde als zentrale professionelle Herausforderung benannt.
Diskutiert wurde zudem, wie stark klassische Männlichkeitsnormen weiterhin wirksam sind und gezielt von rechtsextremen und antifeministischen Influencern aufgegriffen werden. Anhand konkreter Zitate etwa aus der sogenannten „Mannosphäre“ oder aus rechtspopulistischen Reden wurde deutlich, wie Geschlechterbilder emotionalisiert, vereinfacht und politisch instrumentalisiert werden. Für die pädagogische Praxis wurde empfohlen, solchen verengenden Rollenkonstruktionen nicht mit Gegenideologien zu begegnen, sondern systemisch zu arbeiten: durch Hinterfragen, Perspektivwechsel, Anerkennung von Widersprüchen und die Einladung zur Reflexion darüber, welche Bedürfnisse – etwa nach Anerkennung, Zugehörigkeit oder Orientierung – hinter solchen Positionen stehen.
2. Zum Begriff „Islamismus“
Ein weiterer Diskussionspunkt betraf die Verwendung des Begriffs „Islamismus“. Konsens war, dass der Begriff im fachlichen Kontext weiterhin sinnvoll ist, im direkten pädagogischen Arbeiten mit Jugendlichen jedoch oft eher verschließend als klärend wirkt. Dort kann er schnell als Zuschreibung oder Stigmatisierung verstanden werden. Alternativ wurde vorgeschlagen, präziser von „islamistischem Extremismus“ zu sprechen, um deutlicher zu machen, dass es nicht um Religion an sich, sondern um extremistische Ideologien geht. Ansonsten kann der in wissenschaftlichen Definitionen oft weit gefasste Begriff „Islamismus“ auch nicht-extremistische politische oder ökologische Bewegungen (z.B. „Green Islam“) einschließen. Für die Praxis bedeutet das: Begriffe bewusst, kontextsensibel und adressatengerecht einsetzen.
3. Ziele und strukturelle Herausforderungen der Radikalisierungsprävention
Deutlich wurde außerdem der hohe Stellenwert von Öffentlichkeitsarbeit für die Präventionslandschaft. Radikalisierungsprävention muss ihre Ziele, Wirkungen und Notwendigkeiten besser erklären können, auch um gesellschaftliche und politische Unterstützung langfristig zu sichern. Betont wurde, dass Prävention nicht als Nischenaufgabe einzelner Projekte verstanden werden dürfe, sondern als Querschnittsaufgabe, die systematisch in Ausbildung und Qualifizierung integriert werden sollte – etwa in Lehramtsstudium, Referendariat, Sozialer Arbeit und Verwaltung.
4. Das „deutsche Modell“ der Radikalisierungsprävention
Das deutsche Modell der Radikalisierungsprävention wurde als internationaler Sonderfall hervorgehoben. Die starke Rolle zivilgesellschaftlicher Träger ist keineswegs selbstverständlich. Diese Struktur wurde als schützenswert beschrieben – und zugleich als etwas, mit dem Deutschland auch international stärker sichtbar werden könnte. Für Fachkräfte bedeutet das, die eigene Arbeit nicht nur als lokale Intervention, sondern als Teil eines besonderen und wirksamen Gesamtsystems zu begreifen.
Insgesamt bot die KN:IX-Connect-Auftaktveranstaltung wichtige Impulse für eine reflektierte, differenzierte und zugleich handlungsfähige Radikalisierungsprävention, die gesellschaftliche Transformationsprozesse ernst nimmt, ohne menschenfeindliche Positionen zu tolerieren.
„Klar in der Haltung, offen im Dialog“: KN:IX-Connect Auftaktveranstaltung, 28.11.2025, Bochum