Am 18. Mai 2026 nahm Clear-Vision-Projektleiter Dr. Junus el-Naggar am digitalen Sofa-Talk „Frauen im Islamismus – Attraktivitätsmomente und Rekrutierungswege für Mädchen und Frauen“ von KN:IX connect teil. Im Mittelpunkt stand die Frage, warum islamistische und insbesondere salafistische Angebote für Mädchen und Frauen attraktiv werden können und welche Konsequenzen sich daraus für die Präventionsarbeit ergeben.
Eine zentrale Erkenntnis: Frauen sind in islamistischen Szenen keineswegs nur Mitläuferinnen. Sie können wichtige Rollen innerhalb der Szene übernehmen und werden mit spezifischen Angeboten und Rollenbildern angesprochen. Die zugrunde liegenden Bedürfnisse unterscheiden sich dabei nicht grundsätzlich von denen männlicher Jugendlicher. Anerkennung, Zugehörigkeit, Orientierung oder das Gefühl von Heimat können eine wichtige Rolle spielen – die Art und Weise, wie diese Bedürfnisse angesprochen werden, kann jedoch geschlechtsspezifisch sein.
Aufwertung durch klare Rollen und Zugehörigkeit
Attraktiv können etwa alternative Frauenbilder und eine starke Aufwertung der Mutterrolle wirken. Mutterschaft wird dabei nicht lediglich als Aufgabe innerhalb der eigenen Familie präsentiert: Die Erziehung der eigenen Kinder erhält Bedeutung für die gesamte muslimische Gemeinschaft. Die einzelne Frau erfährt damit eine erhebliche Aufwertung ihrer Rolle.
Hinzu kommen Narrative von Gemeinschaft und Schutz. Islamistische Akteur:innen greifen reale Erfahrungen auf, darunter antimuslimischen Rassismus, fehlende erwachsene Bezugspersonen oder Erfahrungen von Ausgrenzung und Mobbing. Die Szene kann darauf mit dem Versprechen von Anerkennung, Heimat und eindeutiger Zugehörigkeit reagieren. Dass islamistische Onlineangebote Orientierung und Gemeinschaft versprechen und dabei insbesondere Mutterschaft und klare Geschlechterrollen thematisieren, zeigt sich auch im aktuellen Monitoring von KN:IX connect.
Für die pädagogische Praxis ist deshalb entscheidend, zwischen einem Bedürfnis und dem ideologischen Angebot zu unterscheiden, das auf dieses Bedürfnis reagiert. Hat eine Jugendliche beispielsweise körperbezogenes Mobbing erlebt und erlebt das Tragen eines Kopftuchs anschließend als Schutz und Aufwertung, wäre es kontraproduktiv, das Kopftuch selbst vorschnell zu problematisieren. Interessanter ist die Frage, welche Erfahrungen, Bedürfnisse und Veränderungen dahinterstehen.
Angreifende Reaktionen können Abwendung verstärken
Auch islamistische Angebote verändern sich. Salafistische Akteur:innen reagieren auf gesellschaftliche Entwicklungen und greifen zunehmend alltägliche Fragen junger Menschen auf. Damit können sie dort anschlussfähig werden, wo Jugendliche nach Orientierung und einfachen Antworten suchen.
Für schulisches Personal folgt daraus ein wichtiger Impuls: Eine angreifende Reaktion auf religiöse Praxis oder sichtbare Veränderungen kann Abwendungsprozesse verstärken, statt sie aufzuhalten. Prävention sollte daher nicht bei einzelnen religiösen Symbolen oder Äußerlichkeiten ansetzen, sondern neugierig nach den dahinterliegenden Motiven, Beziehungen und Bedürfnissen fragen.
Das bedeutet nicht, problematische ideologische Positionen zu relativieren. Gerade weil islamistische Akteur:innen reale Erfahrungen von Diskriminierung, Unsicherheit oder fehlender Anerkennung aufgreifen können, sollte Schule Räume schaffen, in denen Jugendliche diese Erfahrungen besprechen können, ohne dafür auf ideologische Deutungsangebote angewiesen zu sein. Für schulische Radikalisierungsprävention heißt das: Beziehung und Anerkennung stärken, Religiosität nicht vorschnell problematisieren – und zugleich dort klare Grenzen ziehen, wo aus Orientierung und Zugehörigkeit Abwertung, Ungleichwertigkeit oder demokratiefeindliche Ideologie werden.
Frauen im Islamismus: Anerkennung, Zugehörigkeit und alternative Frauenbilder