Am 6. und 7. Mai 2026 fand in Dortmund das zweite Modul des Clear-Vision-Qualifizierungslehrgangs statt. Nachdem im Auftaktmodul Grundlagen des Clearing-Ansatzes, Radikalisierungsbegriffe und schulische Strukturen im Mittelpunkt gestanden hatten, richtete sich der Blick diesmal auf die Gesprächsführung mit jungen Menschen. Referent Philip Al-khazan führte in systemische Haltung, Fragetechniken und Beratungsmethoden ein und übertrug diese auf Einzelgespräche, das Clearing-Verfahren und den FreiRaum.
Der Schwerpunkt passt unmittelbar zum Ansatz von Clear Vision: Radikalisierungsprävention soll nicht ausschließlich auf problematische Äußerungen und Risiken reagieren, sondern tragfähige Beziehungen, Ressourcen, Anerkennung und Teilhabe stärken.
Zentrale Erkenntnisse für die Schulpraxis
- Beziehung vor Lösung: Ein Erstgespräch muss nicht das Problem lösen. Zunächst kann entscheidend sein, dass ein junger Mensch überhaupt wiederkommen möchte.
- Wer fragt, gewinnt: Offene, neugierige Fragen können Differenzierung anregen, ohne Jugendliche in einen argumentativen Abwehrkampf zu drängen.
- Transparenz schafft Vertrauen: Anlass, Auftrag und Grenzen eines Gesprächs sollten offen benannt werden – keine versteckten pädagogischen „Spielchen“.
- Person und Position unterscheiden: Problematische oder menschenfeindliche Aussagen können klar begrenzt werden, ohne die Beziehung zur Person abzubrechen.
- Ressourcen im Umfeld suchen: Familie, Freund:innen, Schule, Vereine oder religiöse Gemeinschaften können sowohl Belastungen als auch wichtige Beziehungspotenziale enthalten.
- Beziehungsarbeit braucht Zeit: Genau diese Zeit ist im schulischen Alltag jedoch häufig eine der knappsten Ressourcen.

Kontroversität aushalten – und trotzdem Grenzen setzen
Zum Einstieg griff das Clear-Vision-Team erneut die Frage auf, wie eine gemeinsame Diskussionskultur im Lehrgang aussehen kann. Eine Positionierungsübung arbeitete unter anderem mit der Aussage: „Man kann homosexuelle Praxis für falsch halten und gleichzeitig mit allen Menschen respektvoll umgehen.“ Die Teilnehmenden reflektierten, wie leicht oder schwer diese Aussage auszuhalten ist, welche biografischen und weltanschaulichen Prägungen die eigene Reaktion beeinflussen und wo die eigene Ambiguitätstoleranz endet.
In der Diskussion wurde deutlich, dass Wortwahl und Perspektive einen erheblichen Unterschied machen. Ebenso wichtig ist die Trennung von Person und Sache: Eine persönliche oder religiöse Überzeugung ist nicht identisch mit dem konkreten Umgang mit anderen Menschen. Zugleich verfolgt Clear Vision einen Ansatz, der Minderheiten und gesellschaftliche Machtverhältnisse mitdenkt. Eine Äußerung kann queere Jugendliche verletzen, auch wenn sie nicht ausdrücklich deren Gleichwertigkeit bestreitet.
Für Schule folgt daraus nicht, dass Grenzen nur dann gezogen werden, wenn unmittelbar eine betroffene Person erkennbar im Raum sitzt. Abwertenden oder menschenfeindlichen Äußerungen sollte unabhängig davon widersprochen werden, wer gerade anwesend ist. Gleichzeitig muss nicht jede moralische, religiöse oder politische Differenz zu einem Beziehungskonflikt werden.
Auch für den Lehrgang selbst verständigte sich die Gruppe auf einen Umgang, der Kontroversität ermöglicht: Raum für unterschiedliche und auch Minderheitenpositionen, Offenheit ohne vorschnelle Verurteilung, zugleich Sensibilität für Redeanteile und die Grenzen der eigenen Perspektive.
Systemisch denken: Nicht nur auf die einzelne Person schauen
Philip Al-khazan stellte zu Beginn klar, dass zwei Seminartage keine Ausbildung in systemischer Beratung ersetzen. Wichtiger als einzelne Methoden sei zunächst die Haltung, mit der Beratung geführt werde. Dazu gehören Neugier, Ressourcenorientierung und die Anerkennung des Gegenübers als Expert:in der eigenen Lebenswelt.
Systemisch zu arbeiten bedeutet außerdem, junge Menschen nicht isoliert zu betrachten. Zu den relevanten Systemen können Familie, Schule, Freundeskreis, Sportverein oder Religionsgemeinschaft gehören. Menschen aus diesen Zusammenhängen können Belastungen verstärken, zugleich aber auch wichtige „Schlüssel“ für Veränderung sein.
Das wurde in einer Übung auf das System Schule übertragen. Die Teilnehmenden entwarfen zunächst eine Schule, in der Radikalisierung möglichst wenig Raum bekommt, anschließend gewissermaßen das Gegenteil – eine Schule, die Ohnmacht, Willkür und Ausgrenzung produziert. Im anschließenden Realitätscheck wurde gefragt: Wo finden sich Elemente beider Modelle bereits in der eigenen Schule? Genannt wurden unter anderem echte Partizipation, Beziehung, Ressourcenorientierung, wertschätzend gestaltete Räume und Möglichkeiten sozialer Begegnung. Umgekehrt können fehlende Transparenz oder angekündigte, aber nicht eingelöste Beteiligung Ohnmacht verstärken.
Die Übung folgt einer Form der Kopfstand-Methode: Statt nur zu fragen, was eine gute Schule tun sollte, wird sichtbar gemacht, welche Bedingungen Entwicklungen gerade verschlechtern würden. So lassen sich anschließend konkrete Ressourcen und Einflussmöglichkeiten identifizieren.
Professionelle Nähe statt Distanz
Al-khazan sprach bewusst von professioneller Nähe. Beziehung entsteht nicht dadurch, dass pädagogische Fachkräfte möglichst wenig von sich zeigen. Im Gegenteil kann es sinnvoll sein, selbst etwas preiszugeben. Er beschrieb dies als eine Art „Trading“: Wer Vertrauen erwartet, muss auch Vertrauen geben. Dabei geht es nicht um wahllose Selbstoffenbarung, sondern um eine bewusste und authentische Beziehungsgestaltung. Auch die Dokumentation hielt fest, dass Selbstoffenbarung Vertrauen fördern kann, gleichzeitig aber reflektiert entschieden werden muss, was man nicht preisgibt.
Al-khazan setzte dies im Seminar selbst um, indem er zu Beginn etwas Persönliches teilte, das ihn an diesem Tag beschäftigte. Dadurch entstand unmittelbar eine andere Nähe im Raum.
Eine weitere These lautete: Radikalisierung kann selbst eine Funktion erfüllen. Sie kann beispielsweise ermöglichen, über belastende Themen, Unsicherheiten oder Fragen von Sexualität und Männlichkeit gerade nicht sprechen zu müssen. Umso wichtiger sind Beziehungen, die jenseits der ideologischen Position bestehen bleiben. Beziehungspotenziale zu finden und zu stärken, kann Distanzierungsprozesse unterstützen.
Ein eindrückliches Beispiel für Irritation als Methode schilderte Al-khazan aus seiner Beratungspraxis: Statt die religiös-extremistische Selbstbeschreibung eines Inhaftierten frontal anzugreifen, bot er ihm einen Gebetsteppich an. Gerade die unerwartete Reaktion eröffnete einen neuen Gesprächszugang. Der Impuls dahinter: Nicht jede Intervention muss aus Widerspruch bestehen. Manchmal kann eine unerwartete, zugewandte Reaktion eingefahrene Deutungsmuster stärker irritieren.
Das erste Gespräch muss noch nichts lösen
Ein großer Teil des Moduls bestand aus dem praktischen Erproben systemischer Gesprächsführung. Zentral war zunächst Transparenz: Jugendliche sollten wissen, warum ein Gespräch stattfindet, in wessen Auftrag eine pädagogische Fachkraft handelt und welche Grenzen der Vertraulichkeit oder weitere Handlungspflichten bestehen können. Der Anlass sollte nicht durch scheinbar beiläufige Gespräche verschleiert werden.
Anschließend ging es darum, überhaupt ins Gespräch zu kommen. Eine Szene aus Good Will Hunting brachte einen Kernpunkt auf den Punkt: Wer nichts erzählt, kann auch nicht verstanden werden. Zugang muss deshalb nicht sofort über das problematische Thema erfolgen. Anime wie Naruto oder One Piece, Filme, Interessen oder Fragen wie „Welche drei Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?“ können zunächst Beziehung ermöglichen.
Die Teilnehmenden erprobten offene, hypothetische und skalierende Fragen. Ebenso wichtig war das Aushalten von Pausen: Schweigen muss nicht sofort gefüllt werden. Wer seinem Gegenüber Zeit lässt, signalisiert, dass nicht bereits die nächste fertige Antwort wartet.
In Rollenspielen zeigte sich zugleich eine typische professionelle Falle. Einige Beratende wollten schnell auf das eigentliche Problem zu sprechen kommen und eine Lösung entwickeln. Aus Sicht der Beratungsnehmenden entstand dadurch teilweise das Gefühl, nicht wirklich abgeholt zu werden. Die gemeinsame Erkenntnis: Bevor es inhaltlich wird, braucht es häufig Beziehung. Zu frühes „Lösungsdenken“ kann das Gespräch in eine Sackgasse führen.
Für ein erstes Gespräch kann ein gutes Ziel deshalb deutlich bescheidener sein: im Gespräch bleiben. Nicht alles Problematische muss ignoriert werden, aber manches kann zunächst innerlich notiert und zu einem passenderen Zeitpunkt aufgegriffen werden. Entscheidend ist die Frage: Wie gelingt es, dass diese Person gerne noch einmal mit mir spricht?
Nicht um „Fakten“ kämpfen – Differenzierung ermöglichen
An einem Fallbeispiel zu einem jungen Menschen, der sich zunehmend über alternative Informationsquellen orientierte und stark zum Israel-Palästina-Konflikt positionierte, übten die Teilnehmenden Beratungssituationen.
Eine wichtige Erkenntnis war dabei, nicht reflexhaft in einen Faktenwettstreit einzusteigen. Wenn die andere Person ihre gesamte Position als angegriffen erlebt, führen Gegenbelege nicht zwangsläufig zu Reflexion. Ziel systemischer Gesprächsführung ist vielmehr, Gewissheiten beweglicher zu machen und Differenzierung anzuregen.
Dazu können Skalierungsfragen beitragen: „Wie sicher bist du dir auf einer Skala von 0 bis 10?“ Interessant wird anschließend nicht nur die Zahl, sondern beispielsweise die Frage, warum jemand eine 8 und keine 10 nennt. Auch hypothetische Fragen können ermöglichen, einen Gedanken zunächst probeweise aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Al-khazan fasste die Haltung wiederholt mit dem einfachen Grundsatz zusammen: „Wer fragt, gewinnt.“
FreiRaum: Beziehung entsteht nicht nur im Beratungsgespräch
Am zweiten Tag wurden systemische Methoden auch auf den FreiRaum übertragen. Das Clear-Vision-Konzept versteht den FreiRaum als offenen, begleiteten Ort für Rückzug, Gebet oder Meditation und für Gespräche über Themen, die Jugendliche beschäftigen. Entscheidend sind nicht perfekte Räumlichkeiten, sondern verlässliche Nutzung, gute Begleitung und eine Atmosphäre, in der Jugendliche sich gesehen fühlen.
Al-khazan betonte erneut die Rolle der betreuenden Person als Gastgeber:in. Wer den Raum begleitet, darf eigene Interessen einbringen und sollte authentisch bleiben. Filme, die man tatsächlich selbst gerne sieht, können beispielsweise Gesprächsanlässe zu Liebe, Familie, Glück oder Krieg schaffen. Auch einmal die Jugendlichen selbst um Rat zu bitten, kann Rollen verändern und Augenhöhe herstellen.
Besonders positiv aufgenommen wurde die Methode „Die Geschichte deines Namens“. Al-khazan hatte für alle Anwesenden Bedeutung und Herkunft ihrer Namen recherchiert und auf einzelne Zettel geschrieben. Wer wollte, konnte die eigene Geschichte teilen und ergänzen. Die Teilnehmenden beschrieben die Methode als starke Form von Wertschätzung: Jemand hat sich vorab mit mir beschäftigt und meinen Namen nicht als nebensächlich behandelt.
Weitere niedrigschwellige Methoden waren Karten mit Aussagen wie „Das trifft auf mich zu“ oder „Das trifft nicht auf mich zu“, die Zeitmaschine – eine gedankliche Begegnung mit dem jüngeren Ich – oder die Insel-Frage. Für Gespräche gilt dabei: keine Aneinanderreihung von Fragen wie in einem Verhör, sondern echtes Interesse, Reaktionen wie „spannend“ oder „erzähl mehr“ und gegebenenfalls auch etwas Eigenes teilen.
Ressourcen sichtbar machen: Genogramm und fünf Säulen der Identität
Zum Abschluss wurden Methoden vorgestellt, die einen tieferen Blick auf Biografie und Ressourcen ermöglichen.
Ein Genogramm kann sichtbar machen, welche Beziehungen in einer Familie bestehen und wo mögliche Bindungs- und Unterstützungspersonen liegen. Schon Fragen wie „Was findest du an deinem Großvater bemerkenswert?“ können Hinweise auf tragfähige Beziehungen geben. Gleichzeitig warnte Al-khazan davor, solche biografisch tiefgehenden Verfahren bei neuen Kontakten oder vermuteten Traumatisierungen leichtfertig einzusetzen: Wer eine emotionale Situation öffnet, muss sie professionell halten können.
Das Modell der fünf Säulen der Identität richtet den Blick auf Körper und Gesundheit, soziale Beziehungen, Arbeit bzw. Leistung, materielle Sicherheit sowie Werte und Ideale. Werden einzelne Bereiche stark geschwächt, können Identitätskrisen entstehen. In der Beratung kann danach gefragt werden, wie stabil die einzelnen Säulen aktuell erlebt werden und was eine kleine Verbesserung ermöglichen würde. So verschiebt sich der Blick vom Defizit auf vorhandene Ressourcen und realistische Veränderungsmöglichkeiten.
Fazit: Beziehungsarbeit ist wirksam – aber nicht nebenbei zu haben
In der Abschlussrunde wurden zwei Sätze besonders häufig aufgegriffen: „Beziehungsarbeit braucht Zeit“ und „Wer fragt, gewinnt.“ Die Teilnehmenden nahmen offene Fragen, die fünf Säulen der Identität und die Bedeutung der eigenen Haltung als konkrete Impulse für den Schulalltag mit. Gleichzeitig blieb eine zentrale strukturelle Frage offen: Woher kommt im ohnehin belasteten Schulalltag die notwendige Zeit für solche Beziehungsarbeit?
Genau darin liegt eine wichtige Erkenntnis des Moduls. Beziehung kann nicht dauerhaft als persönliche Zusatzleistung besonders engagierter Lehrkräfte oder Schulsozialarbeiter:innen verstanden werden. Wenn Schulen Radikalisierungsprävention beziehungsorientiert gestalten wollen, müssen sie auch darüber sprechen, wo Zeit, Räume und Rückendeckung für Beziehung geschaffen werden können.
Systemische Methoden bieten dafür keine schnelle Lösung und ersetzen keine professionelle Beratungsausbildung. Sie können schulischem Personal aber helfen, anders auf schwierige Situationen zu schauen: weniger mit dem Druck, sofort eine Antwort finden zu müssen, und stärker mit der Frage, was einen jungen Menschen bewegt, welche Ressourcen bereits vorhanden sind und wie die Beziehung erhalten werden kann, in der Veränderung überhaupt erst möglich wird.
Modul 2 (26): „Wer fragt, gewinnt“ – Systemische Gesprächsführung und Beziehungsarbeit, 06. - 07.05.26