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Vor kurzem bekamen die Schüler*innen der Klasse 6a der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule Bonn zwei besondere Gäste: Zwei junge Vertreterinnen des jüdischen Projekts „Likrat – Jugend & Dialog“ kamen zu Besuch, um mit der Klasse über verschiedene Themen wie ihre persönliche Glaubenspraxis, Familientraditionen aber auch über Judenfeindlichkeit zu reden.

Die beiden „Likratnos“ Shirly und Lisa (beide 17 Jahre alt) standen den Schüler*innen zu allen Fragen Rede und Antwort. So interessierten sich die Kinder unter anderem für Fragen der Gebetspraktiken oder der jüdischen Zeitrechnung (wir schreiben das Jahr 5779, gemäß der jüdischen Schöpfungsgeschichte). Die Likratinos rezitierten den Anfang des bekanntesten jüdische Gebets, das “Schma Jisrael” (hebräisch für ,,Höre Israel”). Sie wiesen darauf hin, dass es in ihrer Religion 613 Gebote und Verbote gäbe – und schilderten, dass sie sich selbst im Alltag jedoch auch nicht immer an alle dieser Regeln hielten. Gerade die muslimischen Schüler*innen der Klasse 6a stellten viele Ähnlichkeiten des Islams und des Judentums fest, etwa die Schreibrichtung des Hebräischen als auch des Arabischen (beide von rechts nach links), die Praxis des Fastens (Ramadan) oder auch die Aufteilung in koscheres und nicht koscheres Essen (halal und haram). Zum sinnlichen Nachvollziehen brachten Shirly und Lisa „koschere Süßigkeiten“ mit (ohne tierische Gelatine), was bei den Schüler*innen auf sehr großes Interesse stieß.

Auch die unangenehmen Seiten des Alltags als Jüdinnen in Deutschland wurden offen angesprochen. So berichteten die beiden Mädchen etwa davon, dass sie bereits wegen ihres Glaubens persönliche Beleidigungen und Ausgrenzung erlebet hätten. Sie fände es „bedauerlich, dass sich ‚Du Jude‘ immer mehr als Beleidigung in Deutschland etabliert“, dies sei „auch der Grund, warum wir uns in dem Projekt Likrat engagieren“, so Lisa. Ihre Mitstreiterin Shirly berichtete davon, dass auch ihre Familie von der Shoha (der Massenvernichtung der Juden in Deutschland) betroffen war und sie selbst von dem Ausmaß recht spät erfahren hätte. Und so trotzten die Schüler*innen der Klasse 6a den überdurchschnittlich heißen Temperaturen dieses Junitages, blieben zwei Stunden lang sehr konzentriert und aufmerksam. Sie erfuhren Interessantes und Neues. Ein Schüler brachte es gegen Ende des Besuchs auf den Punkt mit den Worten: „Es ist ja eigentlich unnötig Vorurteile zu haben, denn ihr seid ja genauso wie wir.“ – Mit dieser Erkenntnis hat sich der Besuch von Shirly und Lisa schon gelohnt. 

Das Projekt „Likrat – Jugend & Dialog“ ist eine Initiative des Zentralrats der Juden in Deutschland (www.likrat.de). Das hebräische Wort „Likrat“ bedeutet so viel wie „aufeinander zu“. Vertreter*innen von Likrat waren bereits zum wiederholten Male zu Besuch. Die Kooperation mit Likrat fügt sich in eine Vielzahl von Aktivitäten gegen politischen oder religiös motivierten Extremismus an der ESG Bonn. Das Projekt „CleaRTeaching – Umgang mit neosalafistischen und rechtsextremen Haltungen im schulischen Kontext“ wird auch als Weiterbildungsformat von 2020 bis 2022 durchgeführt. Die Trägerschaft liegt bei dem Düsseldorfer Jugendhilfeträger „Aktion Gemeinwesen und Beratung e.V.“ (AGB) und die Förderung erfolgt durch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb).

(Verfasser und Bildrecht: Jan-Hendrik Weinhold-Flum)

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