Am 28. Mai 2026 lud Clear Vision schulisches Personal aus der gesamten Clearing-Projektreihe zu einem digitalen Netzwerktreffen zum Thema „Verschwörungsdenken an Schulen: Beratungswege und Handlungsmöglichkeiten“ ein. Referent Benjamin Winkler von der Amadeu Antonio Stiftung arbeitet an der Schnittstelle von Antisemitismus, Rassismus und Verschwörungsdenken. Im Mittelpunkt des Abends stand die Frage, wie schulisches Personal Verschwörungserzählungen einordnen und pädagogisch bearbeiten kann – und wo externe Beratung sinnvoll oder notwendig wird.
Zentrale Erkenntnisse für die Schulpraxis
- Nicht vorschnell radikalisieren: Einzelne Verschwörungserzählungen sind noch kein geschlossenes Weltbild – gerade bei Jugendlichen genau hinschauen.
- Beziehung vor Grabenkampf: Nicht über jede Behauptung streiten, sondern nach Motiven, Bedürfnissen und der Bedeutung für die Person fragen.
- Quellenkritik einüben: Gemeinsam prüfen, woher Informationen stammen, welche Belege vorliegen und welche Interessen hinter ihrer Verbreitung stehen.
- Werte und Folgen thematisieren: Menschenfeindliche Konsequenzen klar benennen und Widersprüche zu den eigenen Werten der Jugendlichen sichtbar machen.
- Elterneinfluss mitdenken: Kommt der Druck aus dem Elternhaus, stößt klassische Beziehungsarbeit an Grenzen – dann Kindeswohl und externe Beratung stärker einbeziehen.
- Unterstützung nutzen: Schulen müssen komplexe Fälle nicht allein bearbeiten; spezialisierte Beratungsangebote können bei Einordnung und Vorgehen unterstützen.
Verschwörungsdenken erkennen, ohne vorschnell zu dramatisieren
Verschwörungserzählungen können unterschiedliche menschenfeindliche Ideologien miteinander verbinden. Am Beispiel des Narrativs vom „Großen Austausch“ verdeutlichte Winkler, wie rassistische, antisemitische und antifeministische Vorstellungen ineinandergreifen können. Verschwörungsdenken funktioniert dabei häufig auch über Emotionen wie Angst, Wut, Neid oder das Gefühl, etwas erkannt zu haben, das anderen verborgen bleibt.
Gerade bei Jugendlichen ist allerdings eine differenzierte Betrachtung wichtig. Nicht jede Beschäftigung mit Verschwörungserzählungen ist bereits Ausdruck einer Radikalisierung. Jugendliche probieren Positionen aus, suchen nach Erklärungen und entwickeln erst nach und nach ihre Fähigkeit, Informationen kritisch und wissenschaftlich einzuordnen. Die von der Amadeu Antonio Stiftung herausgegebene Publikation „Radikalisierung oder Pubertät?“ greift genau diese Frage auf und richtet sich ausdrücklich auch an Lehrkräfte und Pädagog:innen.
Für die Schulpraxis folgt daraus eine zentrale Frage: Was genau beobachten wir – und wie verfestigt ist es? Eine einzelne irritierende Äußerung sollte nicht wie ein geschlossenes verschwörungsideologisches Weltbild behandelt werden. Gleichzeitig sollten menschenfeindliche und antisemitische Bestandteile klar benannt werden.
Vom Unterricht bis zum Klassenchat: Schulen brauchen Handlungssicherheit
Verschwörungserzählungen können an sehr unterschiedlichen Orten auftauchen: als Aussage im Politikunterricht, als Video auf dem Handy während der Pause oder als Beitrag im Klassenchat. Winklers Arbeit setzt deshalb unter anderem bei der Frage an: „Was mache ich, wenn …?“ Neben Bildungsangeboten für Schüler:innen spielt dabei die Haltungsarbeit mit schulischem Personal eine wichtige Rolle. Denn häufig besteht zunächst Unsicherheit darüber, wie problematisch eine Äußerung tatsächlich ist und welche Reaktion angemessen wäre.
Als praktische Unterstützung stellte Winkler den Beratungskompass Verschwörungsdenken vor. Das Angebot bündelt Informationen, Bildungs- und Beratungsangebote und dient zugleich als Erstanlaufstelle, die Ratsuchende an passende Unterstützung weiterverweisen kann. Der dahinterstehende Trägerverbund besteht aus Violence Prevention Network, modus|zad und der Amadeu Antonio Stiftung.
Auch für den Unterricht stehen unterschiedliche Methoden und Materialien zur Verfügung. Winkler verwies beispielsweise auf Kartensets, Arbeitsblätter und Planspiele, mit denen Jugendliche lernen können, Verschwörungserzählungen kritisch zu hinterfragen. Viele dieser Angebote eignen sich vor allem ab Klasse 7 oder 8; für jüngere Schüler:innen besteht weiterhin eine Lücke.
Kritisch bewertete Winkler Methoden, bei denen Jugendliche beispielsweise selbst möglichst absurde Verschwörungserzählungen konstruieren sollen. Ebenso wenig hilfreich sei es, sich über Menschen lustig zu machen, die an solche Erzählungen glauben. Wer pädagogisch arbeiten möchte, sollte vielmehr verstehen, welche Funktionen das jeweilige Weltbild für eine Person erfüllt.
Wenn die Überzeugungen aus dem Elternhaus kommen
Wie schwierig die schulische Praxis werden kann, zeigte eine ausführliche Fallbesprechung aus dem Netzwerk. Eine Teilnehmerin berichtete von einer Familie, deren drei Kinder während der Corona-Pandemie aufgrund der schulischen Testregelungen nicht mehr zur Schule geschickt wurden. Gespräche mit der Schule fanden statt, später wurden Jugendamt und Polizei eingeschaltet. Schließlich zog die Familie nach Belgien.
Die Diskussion machte eine Grenze klassischer Beziehungsarbeit deutlich: Radikalisierungsprävention richtet sich häufig an Jugendliche, die selbst bestimmte Überzeugungen entwickeln. Anders stellt sich die Situation dar, wenn Kinder aufgrund der Entscheidungen ihrer Eltern aus schulischen Zusammenhängen herausgezogen werden. Hinzu kommt ihre emotionale und materielle Abhängigkeit vom Elternhaus.
Winklers Empfehlung lautete deshalb, nicht in ideologische Grabenkämpfe mit den Eltern oder Kindern einzusteigen, sondern das Kindeswohl in den Mittelpunkt zu stellen. Statt darüber zu streiten, ob die Schule tatsächlich lüge oder manipuliere, kann beispielsweise daran angeknüpft werden, dass ein Kind Freund:innen in der Schule hat, sich in einer AG engagiert oder andere wichtige soziale Beziehungen verliert. Wenn durch den Schulentzug Entwicklungsrisiken entstehen, kann zudem die Prüfung einer möglichen Kindeswohlgefährdung notwendig werden.
Der Fall verdeutlichte zugleich, dass Einfluss nicht ausschließlich aus dem Elternhaus kommen muss. Prägende Bezugspersonen können ebenso Trainer:innen, religiöse Autoritäten, Freund:innen oder deren Eltern sein. Für schulisches Personal ist deshalb weniger die abstrakte Frage „Woher kommt die Ideologie?“ entscheidend als eine möglichst genaue Betrachtung des sozialen Umfelds und der Funktion, die bestimmte Überzeugungen für den jungen Menschen erfüllen.
Nicht gegen das Weltbild kämpfen, sondern Zugänge zur Person suchen
Ein zweiter Fall betraf einen 16-jährigen Schüler, der den Holocaust leugnete, antisemitische Vorstellungen einer jüdischen „Weltherrschaft“ vertrat und sich zugleich mit weiteren Online-Narrativen beschäftigte – von den Epstein-Veröffentlichungen bis zu Vorstellungen über Rohmilch, rohes Fleisch und vermeintlich „testosteronstarke“ Männlichkeit. Der Schüler wurde als intelligent, rhetorisch stark und selbstbildungsfähig beschrieben. Die praktische Frage lautete: Wo fängt man bei einem solchen Geflecht überhaupt an?
Winkler empfahl, den Zugang zur jeweiligen Person anzupassen. Bei analytisch interessierten Jugendlichen können Quellenkritik und die gemeinsame Überprüfung von Behauptungen sinnvoll sein: Woher stammt eine Information? Welche Belege gibt es? Welche Interessen verfolgen diejenigen, die sie verbreiten? Statt den Jugendlichen abzuwerten, könne dessen Selbstbild als jemand, der viel recherchiert und sich intensiv mit einem Thema beschäftigt, sogar als Gesprächszugang genutzt werden.
Bei anderen Jugendlichen kann es hilfreicher sein, stärker auf die emotionale Ebene zu gehen: Wie geht es dir gerade? Was beschäftigt dich? Was gibt dir diese Erklärung? Verschwörungserzählungen können Bedürfnisse nach Orientierung, Zugehörigkeit und auch Besonderheit bedienen. Wer das Gefühl hat, etwas zu wissen, das die Mehrheit nicht erkennt, kann sich dadurch aufgewertet fühlen. Pädagogisch interessant wird dann die Frage, wo ein junger Mensch Anerkennung, Besonderheit und Selbstwirksamkeit auf andere Weise erfahren kann.
Systemische Fragen und Wertearbeit als pädagogische Werkzeuge
Auch systemische Gesprächstechniken wurden als hilfreicher Ansatz diskutiert. Reframing kann beispielsweise dazu einladen, eine vermeintlich eindeutige Erklärung aus einer anderen Perspektive zu betrachten: Statt unmittelbar darüber zu streiten, ob die Anschläge vom 11. September „inszeniert“ gewesen seien, lässt sich die Gewissheit selbst hinterfragen: Welche andere Erklärung wäre ebenfalls denkbar? Was müsste zutreffen, damit diese Erklärung plausibler wäre?
Damit wird das Gespräch nicht zum Wettbewerb darum, wer die besseren Argumente besitzt. Ziel ist vielmehr, Reflexionsräume zu öffnen. Systemische Methoden haben dabei allerdings Grenzen – insbesondere dann, wenn Überzeugungen stark verfestigt sind oder konkrete menschenfeindliche Konsequenzen haben.
Hier kann Wertearbeit ansetzen. Hinter Verschwörungserzählungen stehen mitunter politische Vorstellungen, die reale Folgen für andere Menschen haben. Dann kann schulisches Personal die Beziehung zum Jugendlichen nutzen und Widersprüche spiegeln: „Ich kenne dich eigentlich als jemanden, dem ein friedlicher Umgang wichtig ist. Wie passt das zu dieser Forderung?“ Die Person wird damit nicht auf ihre problematische Äußerung reduziert, gleichzeitig bleibt diese nicht unwidersprochen.
Auch bei Aussagen, die an reale Ereignisse anknüpfen, ist Differenzierung wichtig. Wenn Jugendliche beispielsweise die Tötung von Kindern in einem Krieg thematisieren und dies anschließend mit tradierten antisemitischen Kindermordvorstellungen verbinden, sollte das reale Leid nicht relativiert werden. Die pädagogische Aufgabe besteht darin, beides auseinanderzuhalten: Die Empörung über getötete Kinder kann legitim sein – eine antisemitische Pauschalisierung folgt daraus nicht.
KI als Gesprächspartner und Quellenkritik als Routine
Als ungewöhnliches Werkzeug stellte Winkler DebunkBot zur Diskussion. Nutzer:innen können dort eine Überzeugung formulieren und sie in einem KI-gestützten Dialog anhand von Argumenten und Gegenbelegen überprüfen. Das Tool ist ausdrücklich darauf ausgerichtet, Behauptungen und ihre Begründungen zu prüfen, statt die Person anzugreifen.
Für einen Jugendlichen, der sich selbst als besonders informiert und argumentationsstark versteht, kann ein solcher Zugang als freiwillige „Challenge“ interessant sein: Wie gut hält meine Überzeugung einer kritischen Prüfung stand? Für schulisches Personal kann das ein ergänzendes Werkzeug sein – nicht als Ersatz für pädagogische Beziehung, sondern als Anlass für anschließende Reflexion.
Zum Abschluss wurde außerdem der Newstest als niedrigschwelliges Werkzeug zur Förderung von Nachrichten- und Quellenkompetenz empfohlen. Neben Materialien für unterschiedliche Klassenstufen gibt es mit dem Newstest Junior eine altersgerechte Kurzvariante für 10- bis 14-Jährige.
Fazit: Erst verstehen, dann intervenieren
Das Netzwerktreffen machte deutlich, dass es für den Umgang mit Verschwörungsdenken keine universelle Gesprächsstrategie gibt. Entscheidend ist zunächst eine genaue Einschätzung: Handelt es sich um jugendliches Ausprobieren, um einzelne Narrative oder bereits um ein verfestigtes Weltbild? Welche Bedürfnisse erfüllt die Vorstellung? Welche Personen und digitalen Räume beeinflussen den jungen Menschen? Und welche konkreten Auswirkungen hat das Denken auf ihn selbst und andere?
Für schulisches Personal bedeutet das: Nicht vorschnell etikettieren, nicht lächerlich machen und sich nicht in endlosen Fakten- und Ideologiedebatten verlieren. Stattdessen können Beziehungsarbeit, systemische Fragen, Quellenkritik und Wertearbeit unterschiedliche Zugänge eröffnen. Wo die eigenen Möglichkeiten enden, sollten Beratungsstellen hinzugezogen werden. Gerade diese Kombination aus pädagogischer Beziehung, klarer Haltung und externer Expertise kann Schulen dabei helfen, auch bei komplexem Verschwörungsdenken handlungsfähig zu bleiben.
Verschwörungsdenken an Schulen: Beratungswege und Handlungsmöglichkeiten, digitales Netzwerktreffen, 28.05.226