Am 15. Januar 2026 nahm unsere Projektleitung am 3. Digital-Symposium „Medienwelten im Wandel: Sucht, Körperbild und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im digitalen Zeitalter“ teil und fasst hier zentrale Erkenntnisse aus dem Beitrag von M.Sc. Klin. Psych. Ira-Katharina Petras über den Einfluss von Social Media auf das Körperbild von Jugendlichen für schulisches Personal und schulische Demokratieförderung zusammen.
Gerade für schulisches Personal, das demokratische Schulkultur stärken und Radikalisierungsdynamiken frühzeitig erkennen möchte, sind solche Entwicklungen hoch relevant. Fragen von Selbstwert, Zugehörigkeit, Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Erwartungen spielen auch in vielen Radikalisierungsprozessen eine wichtige Rolle. Plattformen wie TikTok oder Instagram vermitteln nicht nur Schönheitsideale, sondern häufig auch normative Vorstellungen darüber, wie „richtige“ Männer oder Frauen auszusehen und sich zu verhalten haben.
Das Projekt Clear Vision beschäftigt sich daher bewusst mit digitalen Lebenswelten junger Menschen und den sozialen sowie emotionalen Dynamiken, die dort wirken. Die Reflexion über Körperbilder, Vergleichsdruck und algorithmisch verstärkte Ideale ist damit auch ein Beitrag zu demokratischer Bildung, Selbstreflexion und Prävention von Menschenfeindlichkeit.
Zentrale Erkenntnisse für die Praxis
- Jugendliche begegnen auf Social Media nicht „realistischen“ Körperbildern, sondern häufig inszenierten, bearbeiteten und algorithmisch verstärkten Idealen.
- Körperbild, Selbstwert und psychische Gesundheit sind eng mit digitalen Lebenswelten verknüpft; erste Essstörungssymptome oder dysmorphe Tendenzen können bereits im Jugendalter beginnen.
- Schulisches Personal kann präventiv wirken, indem es Bildinszenierungen, Vergleichsdruck und Plattformlogiken mit Schüler:innen reflektiert.
- Ein bewusster Umgang mit dem eigenen Feed kann entlasten: belastende Accounts entfolgen oder muten, stärkende Inhalte gezielt abonnieren.
- Warnsignale wie sozialer Rückzug, rigides Essverhalten, starkes Checking-Verhalten oder zunehmende Selbstabwertung sollten ernst genommen und weiter beobachtet werden.
Einfluss von Social Media auf das Körperbild von Jugendlichen
Im Rahmen des 3. Digital-Symposiums: Medienwelten im Wandel: Sucht, Körperbild und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im digitalen Zeitalter beschäftigte sich die klinische Psychologin Ira-Katharina Petras mit der Frage, wie soziale Medien das Körperbild junger Menschen beeinflussen – und welche Konsequenzen sich daraus für pädagogische Praxis ergeben.
Ein zentraler Befund ihres Vortrags: Essstörungssymptome und dysmorphe Tendenzen beginnen häufig bereits im Jugendalter. Gleichzeitig begegnen Jugendliche auf Plattformen wie TikTok oder Instagram heute permanent idealisierten Körperbildern. Anders als klassische Werbung wirken diese Inhalte oft alltäglich und authentisch. Gerade dadurch entfalten sie eine besondere Wirkung. Jugendliche vergleichen sich nicht nur mit professionellen Models, sondern mit scheinbar „normalen“ Menschen, die ihre Inhalte jedoch gezielt inszenieren, bearbeiten und optimieren.
Dabei unterscheiden sich die vermittelten Ideale häufig entlang geschlechtsspezifischer Erwartungen: Mädchen begegnen verstärkt Inhalten rund um Beauty, Glow-Ups, Diäten und Attraktivität; bei Jungen dominieren Themen wie Muskelaufbau, Leistungsfähigkeit, Disziplin und Selbstoptimierung. Plattformlogiken verstärken diese Dynamiken zusätzlich. Algorithmen zeigen nicht „die Realität“, sondern bevorzugt Inhalte, die Aufmerksamkeit erzeugen – und das sind häufig besonders extreme oder perfekt inszenierte Darstellungen.
Für schulisches Personal ergeben sich daraus mehrere praktische Ansatzpunkte. Ein wichtiger Schritt besteht darin, Jugendliche für die Mechanismen digitaler Bildproduktion zu sensibilisieren. Bilder entstehen nicht zufällig: Auswahl, Filter, Licht, Perspektive, Retusche und Posen prägen die Wirkung entscheidend. Gemeinsam mit Schüler:innen kann reflektiert werden, wie solche idealisierten Bilder entstehen und welche Wirkung sie auf das eigene Selbstbild entfalten.
Ebenso hilfreich kann die bewusste Reflexion des eigenen Social-Media-Feeds sein. Im Vortrag wurde etwa vorgeschlagen, gemeinsam mit Jugendlichen Accounts zu identifizieren, die Stress, Druck oder Selbstabwertung auslösen, und diese gezielt zu entfolgen oder stummzuschalten. Gleichzeitig können neue Inhalte gesucht werden, die andere Perspektiven eröffnen – etwa kreative Inhalte, Sport ohne Leistungsdruck oder Body-Positivity-Ansätze.
Thematisiert wurde außerdem der psychologische Mechanismus der sogenannten „Upward Comparison“: Jugendliche vergleichen sich häufig mit Menschen, die scheinbar erfolgreicher, attraktiver oder disziplinierter sind. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass viele Influencer:innen einen erheblichen Teil ihres Alltags in die Produktion genau dieser Inhalte investieren. Für junge Menschen entsteht dadurch schnell eine unrealistische Normverschiebung.
Für die Schulpraxis besonders relevant waren die benannten Warnsignale, auf die schulisches Personal achten kann. Dazu gehören unter anderem starkes Kontroll- oder „Checking“-Verhalten bezogen auf das eigene Aussehen, sozialer Rückzug aufgrund des Körperbildes, rigides Essverhalten, starke emotionale Abhängigkeit von Likes oder Online-Bestätigung und zunehmende Selbstabwertung.
Als pädagogische Gegenstrategien wurden unter anderem die Förderung von Selbstmitgefühl, Emotionsregulation und digitaler Medienkompetenz genannt. Ebenso wichtig sei es, Jugendlichen alternative Quellen für Selbstwert außerhalb sozialer Medien zu eröffnen – etwa durch Beziehungen, kreative Aktivitäten, Sport, Engagement oder Erfolgserlebnisse im Alltag. Auch die Reflexion von Perfektionismus und dauerhaftem Vergleichsdruck kann ein wichtiger Bestandteil präventiver Arbeit sein.
Entscheidend für schulisches Personal ist, digitale Dynamiken sichtbar zu machen, Reflexionsräume zu eröffnen und Jugendliche dabei zu unterstützen, einen kritischeren und selbstfürsorglicheren Umgang mit sozialen Medien zu entwickeln.
Zwischen Vergleichsdruck und Selbstwert: Körperbilder auf Social Media - Bericht über einen Beitrag auf dem 3. Digital-Symposium der Uniklinik RWTH Aachen, 25.03.26