Am 24. November 2025 fand im Hotel Mercure in Hamm die Abschlussveranstaltung des Projekts CleaRNetworking statt. Unter dem Titel „Zehn Jahre Clearing in der schulischen Radikalisierungsprävention“ kamen schulisches Personal, Fachkräfte aus der Präventionsarbeit, Vertreter:innen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft zusammen, um Bilanz zu ziehen: Was hat sich seit den Anfängen des Clearing-Ansatzes verändert? Welche Herausforderungen prägen die schulische Radikalisierungsprävention heute – und welche Weichen müssen für die Zukunft gestellt werden?

Grußwort: Demokratie braucht Gesprächsräume

Zum Auftakt sprach André Hagemeier von der Bundeszentrale für politische Bildung. Er blickte auf zehn Jahre konstruktiver und von gegenseitigem Respekt geprägter Zusammenarbeit zwischen dem Träger des Projekts, der Aktion Gemeinwesen und Beratung e.V., und der bpb als Fördererin zurück und betonte die Gleichzeitigkeit von Erfolgen und neuen Herausforderungen. Radikalisierungsprävention, so Hagemeier, sei untrennbar mit der Fähigkeit verbunden, gesellschaftliche Konflikte konstruktiv auszutragen. Schulen komme dabei eine zentrale Rolle zu: „Demokratien sterben an Sprachlosigkeit.“ Umso wichtiger sei es, mit Schüler:innen im Gespräch zu bleiben, Diskriminierungserfahrungen ernst zu nehmen und pädagogisch damit zu arbeiten, statt sie zu individualisieren oder zu übergehen.

Rückblick: Zehn Jahre Clearing

Im Anschluss zeichnete Prof. Dr. Michael Kiefer die Entstehung und Entwicklung der Clearing-Projekte nach. Ausgangspunkt waren die Anschläge von Paris 2015 und die daraus resultierende Frage, wie Schulen professionell mit Hinweisen auf mögliche Radikalisierung umgehen können, ohne zu dramatisieren oder vorschnell zu handeln. In den ersten beiden Projektphasen – CleaR (2016–2019) und CleaRTeaching (2020–2022) – wurde das Clearing-Verfahren maßgeblich entwickelt und erprobt.

Zentral war von Beginn an das Mehr-Augen-Prinzip: Hinweise auf Radikalisierung werden nicht von Einzelpersonen bewertet, sondern in multiprofessionellen Teams eingeordnet. Dabei diente das Konzept der Neuen Autorität als handlungsleitender Rahmen – Präsenz zeigen, Orientierung geben, Verantwortung teilen. In der ersten Projektphase wurden an sechs Pilotschulen rund 70 Hinweise bearbeitet. Etwa die Hälfte davon erwies sich im Ergebnis nicht als Radikalisierung. Auch darin, so Kiefer, liege eine große Stärke des Clearing-Verfahrens: Es schafft Trennschärfe zwischen tatsächlichem Handlungsbedarf und pädagogisch herausforderndem, aber nicht radikalisiertem Verhalten.

CleaRNetworking heute: Strukturen, Ressourcen, Haltung

Sören Sponick und Dr. Junus el-Naggar knüpften daran an und stellten die heutige Ausrichtung von CleaRNetworking vor. Ziel des Projekts ist es, weiterführende Schulen bundesweit dabei zu unterstützen, Radikalisierungsprävention systematisch und sensibilisiert zu verankern. Vorgestellt wurden die sechs Handlungsfelder des Projekts sowie die sieben Schritte des Clearing-Verfahrens, die Schulen eine klare Orientierung für den Umgang mit Verdachtsfällen geben.

Besonders hervorgehoben wurden die zentralen Ressourcen des Netzwerks: die multiprofessionelle Ausrichtung (Lehrkräfte und Schulsozialarbeit im Tandem), ein bundesweites Netzwerk von über 70 Schulen mit rund 150 weitergebildeten Multiplikator:innen sowie eine kontinuierliche externe Evaluation. Dr. el-Naggar formulierte fünf Grundsätze, für die CleaRNetworking steht: Radikalisierungsprävention systematisch betreiben, eine bedürfnisorientierte pädagogische Perspektive einnehmen, weite Meinungsfreiheit in der Schule schützen, Ressourcen junger Menschen stärken und pädagogisches Personal unterstützen, das klare Haltung zeigt.

Keynote: Beziehung, Ressourcen und alternative Identitäten

In seiner Keynote setzte Sebastian Ramnitz den Fokus konsequent auf Beziehungsarbeit. Radikalisierende Ansprachen würden dort besonders wirksam, wo junge Menschen keine alternativen Identitätsangebote erfahren. Ramnitz unterschied in Gesprächen mit Schüler:innen klar zwischen Argumenten, Werten und Gefühlen. Forderungen wie beispielsweise „Grenzen schließen“ seien häufig Ausdruck eines dahinterliegenden Bedürfnisses, etwa nach Sicherheit oder Kontrolle. Pädagogische Arbeit beginne genau dort.

Anhand zahlreicher Praxisbeispiele machte Ramnitz deutlich, wie niedrigschwellige Maßnahmen Wirkung entfalten können: Essen und Trinken im Gespräch anbieten, Humor gezielt einsetzen, Irritationen nutzen, um festgefahrene Erwartungsmuster aufzubrechen, oder bewusst Zeit herausnehmen, indem man (nicht-metaphorisch gemeint) gemeinsam langsam geht statt stehenzubleiben oder zu laufen. Identitätsarbeit könne auch über scheinbar banale Zugänge erfolgen – etwa über Vorbilder aus Popkultur oder Sport. Entscheidend sei, Ressourcen zu erkennen und zu stärken, statt Defizite zu problematisieren. Eine zentrale Botschaft lautete: Je weniger soziale Identitätskreise Menschen haben, desto stärker klammern sie sich an einzelne Zugehörigkeiten. Schule kann hier Räume eröffnen – vorsichtig, beziehungsorientiert und realistisch, etwa mit der Frage: „Wer möchtest du nächste Woche sein?“

Clearing in der Schulpraxis: Ein realer Fall

Einen besonders praxisnahen Einblick boten Theresa Taschinski, Milena Helmke und Stephanie Barho von der Oberschule am Leibnizplatz in Bremen. Die drei sind von den Clear-Projekten weitergebildete Multiplikatorinnen. Anhand eines konkreten Falls – ein Schüler zeigte den White-Power-Gruß – erläuterten sie, wie das Clearing-Verfahren an ihrer Schule greift. Sie beschrieben sowohl das idealtypische Vorgehen als auch notwendige Anpassungen im schulischen Alltag, etwa angesichts von Zeit- und Personalmangel.

Deutlich wurde, dass Fälle nicht nur Belastung bedeuten, sondern auch Selbstwirksamkeit und Partizipation fördern können: In dem geschilderten Beispiel gründete sich eine Schülergruppe, die sich klar gegen rechtsextreme Symbolik positionierte und Konsequenzen einforderte. Gleichzeitig wurde reflektiert, dass Protest demokratische Formen wahren muss – auch das ist Teil schulischer Lernprozesse.

Parallele Workshops: Vertiefung und Handlungsoptionen

In vier parallelen Workshops wurden zentrale Themen vertieft:

  • Rassismuskritische Radikalisierungsprävention (Modou Diedhiou) machte deutlich, dass Diskriminierung ein struktureller Risikofaktor ist. Exklusion und Anerkennungsdefizite können Radikalisierung begünstigen. Empowerment, klare Haltung gegen Unfairbehandlung, partizipative Strukturen wie Klassenrat und kontinuierliche Beziehungsarbeit wurden als zentrale Schutzfaktoren herausgearbeitet.

  • Neutralität in der Schule (Prof. Dr. Felix Hanschmann) bot rechtliche Orientierung. Schule ist nicht wertneutral, sondern an Grundgesetz und Landesverfassungen gebunden. Lehrkräfte haben eine Verfassungstreuepflicht; es kann sogar eine Pflichtverletzung darstellen, antidemokratisches Verhalten nicht zu adressieren. Neutralität bedeutet nicht Enthaltung, sondern sachliche, transparente und nicht-indoktrinierende Positionierung.

  • Zwischen Aushalten und Handlungsdruck (Saskia Lanser, Dr. Melanie Weißenberg) thematisierte das Spannungsfeld zwischen notwendigem Eingreifen und der Gefahr der Überreaktion. Regelkarten, biografische Reflexionsfragen und der bewusste Umgang mit Bauchgefühlen wurden als Instrumente vorgestellt, um Handlungssicherheit durch Reflexion zu stärken.

  • Radikalisierungsprävention aus der Praxis (Stephanie Barho, Milena Helmke, Theresa Taschinski) zeigte, wie universelle und selektive Prävention zusammenspielen können: von Elterngesprächen und Projekttagen bis zur festen Implementierung des Clearing-Teams. Besonders betont wurde der frühe Beginn von Demokratieförderung und die konsequente Förderung von Medienkompetenz.

Podiumsdiskussion: Haltung, Struktur und Teamarbeit

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich: Rassismuskritik ist kein Zusatz, sondern integraler Bestandteil schulischer Radikalisierungsprävention. Schule ist ein einzigartiger Ort staatlicher Wertevermittlung – das Grundgesetz als Gegenentwurf zu 1933–1945 bildet dabei den normativen Rahmen. Lehrkräfte mit antidemokratischen Einstellungen müssen gar nicht auf persönlicher Ebene mit ihrer Haltung konfrontiert werden, sondern über ihren dienstlichen Auftrag, den sie zu erfüllen haben.

Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung von Teamarbeit: Bei Einschüchterungsversuchen durch extrem rechte Akteure sei es entscheidend, geschlossen als demokratisches Kollegium aufzutreten. Beziehung und Konsequenz wurden nicht als Gegensätze verstanden: Anzeigen können Teil professionellen Handelns sein und zugleich beziehungsorientiert kommuniziert werden. Kleine, alltagsnahe Verbindungen – über Fußball, Kleidung oder gemeinsame Rituale – bleiben dabei zentrale Anknüpfungspunkte.

Evaluation und Ausblick

Zum Abschluss stellte Claudia Dehn (ArtSet) zentrale Ergebnisse der externen Evaluation vor. Als Gelingensbedingungen für künftige Projekte benannte sie unter anderem die Verstetigung des Clearing-Verfahrens in Regelstrukturen, die kontinuierliche Weiterbildung neuer Schulen, die Aufnahme aktueller Themen sowie die Stärkung informeller und institutioneller Vernetzung. Dr. Junus el-Naggar schloss mit einem Ausblick auf die mögliche Weiterentwicklung des Projekts und betonte, dass sich die zukünftige Konzeption eng an diesen Empfehlungen orientieren werde.

Die Abschlussveranstaltung machte deutlich: Zehn Jahre Clearing haben nicht nur ein Verfahren hervorgebracht, sondern im Clearing-Ansatz eine systematische und beziehungsorientierte Haltung entwickelt. Eine Haltung, die schulischem Personal auch künftig Orientierung und Handlungssicherheit geben kann.